Das große Fressen

Gleich an Wolkenkuckucksheim grenzt Rüde. Die beiden Orte zerfließen am Ufer eines Kanals ineinander, verweben sich zu einem Konglomerat aus Wald, Fabrikhallen und Häusern. In diesen Gebäuden lebt und herrscht Christine, eine intelligente, aber streitlustige ältere Dame, die dem Wein sehr zugetan ist. Zu dem Anwesen führte einst eine allen zugängliche Straße, eingerahmt von Bäumen auf der einen und Lauben auf der anderen Seite. Kurz vor der alten Fabrikruine verschwindet ein schmaler Sandpfad in den Wald, schlängelt sich eine Anhöhe hinauf und wird an seinem Ende von den geduckten Häusern Rüdes begrüßt.
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Seit Jahren wurde der Weg von den Menschen als willkommene Abkürzung zwischen den beiden Orten geschätzt. Fast täglich marschierten ich und mein Terrier Strumpi den idyllischen Weg hinauf und hinab. Irgendwann lernte ich dabei Christine kennen, die oft mit Cäsar, ihrem Hund den gleichen Weg entlang ging. Bei den kurzen Unterhaltungen merkten wir rasch, dass wir uns symphatisch waren. Es entwickelte sich das, was man unter Freundschaft versteht. Zusammen mit meinem Freund Aribert besuchten wir sie ab und zu, süffelten einige Gläser Roten, dabei alles durchhechelnd, was uns gemeinsam interessierte. Dann, die Idylle wandelte sich, wie eben alles dem Wandel unterliegt. Christine hatte einen Rechtsstreit an der Backe, in deren Verlauf sie sich veränderte. Von dem Wandel blieben auch die Ruine und ihre Mieter nicht verschont. Alte Mieter verschwanden, neue tauchten auf, blieben bis auch sie wieder Platz machten, für die nächsten Mieter.
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Eines Tages stand er da, ein Wohnwagen. Menschen werkelten geschäftig drum herum, fällten Bäume, rodeten Gestrüpp. Bei all den Arbeiten entstand ein gewaltiger Lärm und einige Eingeborene, die am anderen Ufer des Kanals lebten, beschwerten sich lauthals. So laut, dass die anderen Nativen problemlos mithören konnten, was man sich dort so entgegen schleuderte. Mann oh Mann, was für Proleten zog es da in unsere schöne Gegend. Fliedermeiers, wir tauften sie von der ersten Stunde auf diesen Namen, sie machten sich dicke. Es war spannend zu beobachten, wie die Prolis täglich die Grenzen um ihren Wohnwagen erweiterten.
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Das große Fressen begann; Tag auf Tag - Stück für Stück schoben Fliedermeiers ihre Grenzen nach außen. Es musste etwas geschehen, erreichten sie doch bald den Standplatz zweier Lastwagen. Was würde dann wohl geschehen? Es war soweit, die LKWs waren vom Hof gefahren und sie schlugen zu. Allerlei Gerümpel und ein Boot standen plötzlich auf dem Abstellplatz der Fahrzeuge. Neugierig beobachteten wir, wie die Wagen etwas weiter weg geparkt wurden. Am nächsten Tag das gleiche Spiel und am übernächste wiederholte es sich, immer weiter verschob sich der Abstellplatz der LKW. Nach geraumer Zeit waren die Brummis vertrieben, runter vom Hof. Fliedermeiers breiteten sich aus, sie brauchten Platz für ihre Schrottsammlung und für ihren Clan. Bei uns verschwand auch Metall, bei Fliedermeiers dagegen wuchs der Berg aus Kupfer und Blech.
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FarnAribert wollte Fotos von Pflanzen machen, da bot sich Christines Gelände an. War es doch eine sich selber überlassene Landschaft, sozusagen ein Biotop. Ein Farnblatt erregte Ariberts Interesse, er legte es auf dem Asphalt vor Fliedermeiers Wohnlandschaft. Interessiert schaute Fliedermeier der Knipserei aus einer Luke seines Trailers zu. Vierzehn Tage später, Christine, tobte mit uns, jagte uns von ihrem Grundstück, Hausverbot! Wegen dem fotografierten Farn? Fliedermeiers haben damit etwas zu tun, das wussten wir. Also nichts wie hin zu den Beiden. Es dauerte lange bis sie, die Fliedermeiersche den Kopf zur Tür raussteckte, er lag verschreckt auf dem Boden seines Wohnwagens. Sie wussten von nichts, ihr Name war Hase. Anderes zu hören, hatten wir auch nicht erwartet.
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Mit der Zeit schälte sich als Kern heraus, irgendwelche Fotos müssen Christine oder einen ihrer Mieter geschadet haben. Sie verknüpfte unsere Knipserei damit und hatte einen Schuldigen. Ach, würde Christine doch nicht soviel saufen, dann könnte sie klarer denken. Wir hörten auf darüber zu grübeln und Fliedermeiers expandierten.
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Jetzt ein Jahr später bekamen wir unerwartet die Lösung frei Haus geliefert. Seitdem Fliedermeiers da sind wurde das Gelände eingezäunt. Na ja, muss ja auch nicht jeder sehen, was da so passiert. Nur die Jugendlichen von Rüde und Wolkenkuckucksheim scherten sich nicht darum. Zäune und Tore waren für sie kein Hindernis. Fliedermeiers musste es gewaltig stören, dass da immer noch welche waren, die sehen konnten was sie so trieben. Heimlich fotografierte er die Jugendlichen, die haben es aber bemerkt, sonst wüssten wir es nicht. Wozu heimlich knipsen? Doch nur, wenn man jemanden schaden will. Da machte es bei uns "KLICK", die Lampe ging an! Fliedermeiers hatten schon damals einen Konkurrenten mit irgendwelchen Fotos aus dem Feld geschlagen und uns, die wir so günstig mit einem Fotoapparat rumliefen, die Sache in die Schuhe geschoben. Seit der Lösung des Rätsels, können wir wieder ruhig schlafen und sind froh, die Freundin los zu sein. Eine echte Freundin war sie bestimmt nie gewesen.

Bernd Wohlers,  Januar 2009

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