Ausreise oder Republikflucht aus der DDR

ddr-wappen An einem düsteren Dezembertag wurde ich zu Herrn Thieme, der Leiter des Jugendwerkhofes Wolfersdorf war, gerufen. In seinem Büro drückte er mir wortlos einen Urlaubsschein und eine Fahrkarte in die Hand, dann konnte ich gehen. Endlich, für zwei lange Wochen, raus aus dieser Hölle, ging es mir durch den Kopf, als ich zu meiner Stube ging. Ich hatte nicht mehr damit gerechnet, Urlaub zu bekommen; alle die nach Hause durften waren schon vor Tagen zur Bahn gebracht worden. So hatte ich mich darauf eingestellt, Weihnachten hier zu verbringen und meinen Kummer so gut, wie es mir möglich war, vor den anderen Unglücklichen zu verbergen.
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Inzwischen waren acht Monate ins Land gezogen, seit ich hier leben musste. Mit dem Tag, an dem meine Eltern in höchster Eile die DDR verließen hat sich mein Leben gründlich verändert. Nichts war mehr so wie früher. Es begann Ende April 1960. Sie kamen zu zweit, sie nahmen mich aus dem Klassenraum mit zur Keibelstraße. Dort in ihrem gut bekannten und berüchtigten Präsidium machten sie Fotos von vorn und von der Seite. Danach noch Fingerabdrücke und ein endloses Verhör. Sie wussten, dass mein Vater aus der Kriegsgefangenschaft nach Westberlin entlassen war, dort lebte und gemeldet war. Das meine Mutter eine Ostberlinerin sich niemals für unseren Staat engagierte. Sie misstrauten ihr, weil sie ein großes Tanzlokal hatte. Dazu gehörten auch viele Kegelbahnen und drei Dutzend Mitarbeitern. Als Hobby ließ sie auf der Trabrennbahn Karlshorst, Jessica, ein erfolgloses Pferd laufen. Sie gehörte zur gehassten und bekämpften Schicht der Ausbeuter und Kapitalisten.
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Sie hatten uns nie zuvor behelligt, wir lebten mit ihnen in Frieden zusammen. Sie taten uns nichts, denn über uns hielt die Partei ihre schützende Hand. Es waren die alten Kampfgenossen und Freunde meines Großvaters, der seit seiner Jugend in der KPD war. Er hatte mit ihnen gekämpft, im KZ gesessen und nach den Krieg, in den ersten Jahren in der Sowjetzone am politischen Aufbau mitgearbeitet. Nun war Großvater tot und sie, die alten Freunde, machten sich an die Arbeit, die Schonzeit war abgelaufen.
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Sie wollten nicht wissen, warum meine Mutter getürmt war, sie wussten es oder es interessierte sie nicht. Sie waren nur darauf aus zu wissen, warum ich es nicht gemeldet hatte und mit welchen Nachbarn meine Eltern besonders gut konnten. Ich konnte ihnen nichts erzählen, weder meine Mutter noch mein Vater hatten mir auch nur ein Wort gesagt. Sie konnten mich nicht ins Vertrauen ziehen, sie kannten meine in der Schule gelernte Begeisterung für diesen Staat. Sie kannten auch deren Methoden, Kinder auszuhorchen.
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Ich empfand dieses Deutschland als das einzig richtige Deutschland. Opa hatte immer wieder erzählt, vom langen Kampf gegen die Kapitalisten und den Sieg über die Ausbeuter. Er hatte viel von einer zukünftigen, gerechteren, kommunistischen Welt gesprochen. Ich war oft beim Großvater, den ich bewunderte; er hatte eine riesige Bibliothek über Politik und Literatur der DDR und der Sowjetunion. Gefestigt wurde der Glauben an den Sozialismus auch in der Schule und den Jugendorganisationen der Partei. Erst war ich bei den "Jungen Pionieren" später in der "FDJ". Als ein Junge von 17 Jahren hätte ich es niemals verstanden oder akzeptiert, dass sie unseren Staat verlassen wollten oder mussten. Dazu wusste ich von ihren Erwachsenenleben einfach zu wenig. Vater war meist im Westen unterwegs und meine Mutter hatte mit ihren Geschäften im Osten zu tun.
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Meine Bewunderung für unsere Republik, war auch der große Knackpunkt zwischen meinem Vater und mir. Er verachtete die DDR und ihre Jubelgenossen, Russen waren ihm ein Gräuel und von Soldat sein, egal für welches Regime hatte er die Schnauze gestrichen voll. Über Opas Glauben an den Weltkommunismus lachte er nur höhnisch. Oft hätte ich ihn erwürgen können, wenn er sich über das blaue Pioniertuch lustig machte: Mach die Rotzfahne ab, war so ein täglicher Spruch von ihm. Meine Mutter hatte eine ähnliche Einstellung wie mein Vater, nur sie konnte sich viel besser verstellen als er, wie ich später noch merken sollte.
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Ich war hier in Ost-Berlin, genauer Berlin-Mitte aufgewachsen. Hier ging ich in die zehnte Klasse, wollte das Abitur machen und dann wollte ich zur Armee, Marine oder Luftwaffe. Seefahrt und Fliegerei interessierte mich brennend und ich hatte alles gelesen, was ich darüber in die Hand bekam.
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Später nach dem Verhör brachten mich Polizisten in die Wohnung, in das Haus wo wir gewohnt hatten. Durch alle vier Stockwerke, in jede Wohnung gingen wir und ich sah viele Dinge, die uns gehört hatten. Unsere Nachbarn hatten sich genommen was sie gebrauchen konnten. Ich zeigte den Männern unsere Sachen, sie sagten nicht ein Wort, schrieben alles auf.
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Als es vorbei war, schafften sie mich in ein Kinderheim. Dort bekam ich einen Schlafraum, abgetrennt von den anderen zugewiesen. Im Morgengrauen des nächsten Tages kam eine sehr schweigsame Frau, sie fuhr mit mir hierher in diese Anstalt. Dann war ich mit Herrn Thieme allein. "So nun bist Du bei uns! Der JWH ist jetzt dein Zuhause. Wir sind hier um aus euch brauchbare Mitglieder für unseren sozialistischen Staat zu machen. Wenn Du dich gut einfügst ist alles in Ordnung. Wenn Du gegen die Hausordnung verstößt gibt es Strafen." Das war seine Begrüßungsrede und er übergab mich danach einem Erzieher. Der brachte mich in die Abteilung, wo ich die nächste Zeit leben sollte. Dort herrschte eine strenge Hierarchie, an der Spitze stand der Stärkste, ein blonder, breitschultriger Riese. Er wurde von den Erziehern toleriert, machte er doch die Drecksarbeit für sie. Mit seinem um sich gescharrten Stab von Speichelleckern empfing er mich in, seiner Residenz, der Schuhkammer. Hier wurde jeder Neuzugang erst mal gefilzt, Zigaretten, Geld und einige Sachen wurden von mir erbeten und genommen. Ich hatte es schweigend über mich ergehen lassen, aus Angst und Verwirrung, hilflos in dieser neuen Umgebung. Später begriff ich es deutlich und schmerzhaft, hier waren die Kriminellen unsere Chefs.
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Am nächsten Morgen gab es so etwas wie eine FDJ-Versammlung und sie schlossen mich vorübergehend aus der Organisation aus. Später könnte ich wieder Mitglied werden, sagten sie. Meine Schulausbildung war abrupt beendet, der Klassenfeind brauchte keine weitere Schulausbildung. Höchstens kam eine Handwerkslehre in Betracht. Der Staat hatte mir bisher vertraut, ich hatte ihn enttäuscht und nun sollte ich ihm dem Staat beweisen das ich nach einer Zeit der Bewährung wieder das Vertrauen, das die DDR in ihre Bürger setzte würdig wäre.
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Um fünf Uhr. Jeden Morgen. Jeden Tag, bei jedem Wetter wurde auf dem Hof zum Appell angetreten. In langen Reihen standen wir Block neben Block. Zwischen den Reihen, exakt zwei Meter Abstand; dort gingen sie durch, kontrollierten den Haarschnitt und die Klamotten. Wehe einer hätte versucht ein Stück privater Kleidung versteckt an sich zu tragen oder vom vorgeschriebenen Fassonschnitt abzuweichen, er wäre auf Tage in ihren Bau verschwunden. Nach dem Mustern, noch Fahne hissen und es war wieder mal vorbei. Nach der Prozedur ging es Blockweise zum Frühstück. Jeder bekam zwei Scheiben Brot, etwas Marmelade und dazu eine Blechtasse voll undefinierbaren Tee oder Roggenkaffee.
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Hungrig, wir waren immer hungrig, so ging es dann zur Arbeit. Die Jungens in den Wald, Wurzeln spalten oder auf eine nahe Baustelle als Hiwis. Die Mädchen hatten meist in der Wäscherei zu tun. Ich hatte das Pech, lange Zeit in den Wald zu müssen, Wurzeln spalten, eine irre Arbeit. Nach einer Weile bot sich die Gelegenheit eine Lehre anzufangen und die Plackerei wurde von da an erträglicher.
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Mittags einrücken zum dürftigen Essen, wieder ausrücken zur Arbeit bis um vier. Danach Revierdienst bis um sechs. In der Zeit musste der Holzfußboden mit kleinen Bürsten und Bohnerwachs so lange geschrubbt werden, bis er wie ein Spiegel glänzte. Wir übten stundenlang, wie man Betten auf Kante baute und wehe eine Falte war nicht so wie sie sein sollte. Der tägliche Abschluss war die Spindkontrolle, welche den Gruppenleitern einen großen Spielraum für ihre als Erziehungsmaßnahmen getarnten Schikanen bot. Unser Gruppenleiter blieb dabei meistens human, aber wehe, wenn er einen gefressen hatte, dessen Schrankinhalt lag dann komplett auf dem Flurboden und das nicht nur einmal.
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Das sollte nun alles aufhören, wenn auch nur für zwei Wochen. Gestern früh, so um drei Uhr brachte mich unser Fahrer mit einem kleinen LKW zum Bahnhof von Stadtroda. Eine lange Wartezeit in der kalten Nacht lag vor mir. Nebelschwaden wabberten über die Gleise und die Tropfen eines feinen Nieselregens suchten sich zielsicher ihren Weg an meinen Hals entlang, den Rücken hinunter. Die letzte Zigarette, aus Kippenresten und Zeitungspapier gedreht war längst erloschen als der Zug kam. Ich war inzwischen völlig durchnässt. In dem leeren Waggon mit seinen Holzbänken und den schwachen Funzeln an der Decke suchte ich mir einen Eckplatz und döste fröstelnd vor mich hin. In Weimar war Endstation und ich musste mich beeilen, um in den Zug nach Berlin umzusteigen, der schon, ungeduldig vor sich hindampfend, wartete.
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Ich wachte davon auf, dass jemand mich rüttelte. Die Augen öffnend, sah ich sie, in ihren inzwischen verhassten Uniformen, der Zug hatte die Zonengrenze erreicht. "Ihren Ausweis bitte" brummte einer der Bahnpolizisten. Ich reichte ihm meinen Urlaubsschein. "Sie dürfen sich nur in Berlin aufhalten und diesen Schein haben Sie immer bei sich zu führen", murmelte er müde vor sich hin. Er gab mir meine Eintrittskarte für die Hauptstadt der DDR zurück, und die beiden gingen zum nächsten Fahrgast. Erleichtert plumpste ich in meine Ecke zurück und las mir noch einmal die wenigen Sätze auf meinen Urlaubsschein durch. Da stand es, ich durfte Ostberlin nicht verlassen und hatte bis zum 3. Januar 1961 Ferien.
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Am Fenster huschten die ersten Häuser von Berlin vorbei, ich war zu Hause. Alexanderplatz, umsteigen in die U-Bahn, einige Stationen Richtung Pankow und ich war da, Schönhauserallee. Noch einige Minuten zu Fuß, rechts in die Roedernstraße und kurz darauf stand ich vor dem Haus, in dem meine Großmutter wohnte. Hier wohnte sie, solange ich zurückdenken konnte. Sie lebte, seit Großvaters Tod allein und arbeitete, in einer Ecke ihres Wohnzimmers, als Schneiderin. Ich war immer gern bei ihr gewesen, denn abends kramte sie oft ihre Karten raus und legte für ihre Nachbarn und Freunde mit großem Brimborium die Karten.
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Oma Minna fiel aus allen Wolken, als sie mich sah. Nach einem ausgiebigen Frühstück mit vielen Fragen und Antworten schickte sie mich ins Bett und sagte mir, "Schlaf mal richtig aus, ich muss da noch mal wohin".
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Wenige Stunden später wurde ich rau geweckt, mein Vater stand vor mir. "Los zieh dich schnell an, wir haben keine Zeit", sagte er und verfrachtete mich kurz darauf in einen VW-Käfer. Er sagte kein Wort, wohin es ging und so saßen wir eine mir unendlich lang vorkommende Zeit schweigend nebeneinander. Dann begann er zu erzählen, dass sie in Kreuzberg eine kleine Wohnung hätten und nach einer größeren Bleibe suchten. Ich berichtete ihm in Stichpunkten, von den Höhepunkten meiner letzten acht Monate.
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Die Fahrt ging inzwischen über den Prenzlauer Berg nach Mitte und mein Vater kam zur Sache. "Pass genau auf, wir fahren jetzt rüber zu Mutter. Bis zur Grenze bleibst Du hier sitzen und wenn ich's sag, bück dich so tief es geht und Kopf runter."
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Majannenstraße, ein Teil davon "Sowjetischer Sektor" und danach kam der "Amerikanische Sektor", nur getrennt durch Schilder und gelangweilt herumstehende Polizisten. Bald schon konnte ich sie sehen, die vertraute Grenze und die vier Grenzpolizisten. Ich war ganz schön in Panik, galt mein Urlaubsschein doch nicht für Westberlin. Würden sie uns normal stoppen, wäre es um meinen Urlaub geschehen. Würden sie uns mit Gewalt zum Halt bringen, wären es viele Jahre Gefängnis für meinen Vater und einige Jahre weniger Jugendhaft für mich. Bei Republikflucht kannten sie keinen Pardon.
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Langsam fuhr Vater auf den Kontrollposten zu, einer der Grenzer stellte sich auf die Fahrbahn und hob die Hand mit dem Haltestab. Immer dichter kamen wir, immer mulmiger wurde mir. Mein Vater wurde ganz schweigsam und gab kurz vor dem Grenzer Vollgas. Der Motor des VW heulte auf, die Reifen quietschten und Vater raste direkt auf ihn zu. "Runter", zischte mein Vater. Ich machte mich so klein wie möglich. Beim Abtauchen sah ich noch wie der Grenzer einem riesigen Sprung zur Seite machte und in ein Heckenrosenfeld stürzte. Sekunden später waren wir um die Ecke der Mariannenkirche, aus dem Schussfeld der Soldaten.
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Da stand wieder ein Polizist, ein Einzelner, mitten auf der Straße in einer ähnlichen diesmal aber blaugrauen Uniform und mit dem seltsamen Tschako auf dem Kopf. Er stoppte uns, ich war inzwischen wieder aus meiner Versenkung aufgetaucht und er sagte zu meinem Vater das, was er da gerade gemacht hat, so nicht gehe. Erst als er dann erfuhr, dass mein Vater mich aus Ostberlin geholt hatte und ich keine Papiere habe, sagte er nur: "Na dann, melden sie sich mit ihrem Sohn im Notaufnahmelager Marienfelde." So kam ich in den "Amerikanischen Sektor" von Berlin. Wochen später, nach unendlich vielen Stempeln in meinen Laufzettel wurde ich dann über den Flughafen Tempelhof nach Hannover ausgeflogen. Mit Bussen wurden wir dann in das Flüchtlingslager Friedland gebracht. Von dort wurde ich in eine neue, unbekannte Welt entlassen, ob sie besser war als die Alte?

Bernd Wohlers  Frühjahr 2007

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