Ein gewöhnlicher Fall

Am frühen Morgen des 15.11.2005, wurde auf einen jungen Mann ein Raubüberfall verübt. Das Opfer wurde in seiner Wohnung von einem Jugendlichen mit einer Pistole bedroht und zur Herausgabe seines Portemonnaies gezwungen. Die Polizei nahm denTäter in der Nacht des gleichen Tages fest. Die erbeuteten 70 Euro konnten nicht mehr aufgefunden werden.
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Der junge Mann wollte schon lange mit dem Dealen aufhören. Immer wieder hatte er es verschoben, dass dabei verdiente Geld benötigte er für seinen eigenen Konsum an Drogen, für Miete, für Lebensmittel. Bisher hatte er nicht die Kraft gefunden, sich eine Ausbildung zu suchen. Er hatte Angst vor solch einem regelmäßigen Leben und dem Besuch einer Berufsschule.
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Der Junge, ein 17 Jahre alter Schüler des Oberstufenzentrums, suchte schon lange nach einer Gelegenheit sich und den anderen zu beweisen, dass er besonders cool sei. Hatte er doch schon viele kleine Gaunereien und Dummheiten begannen, es war immer wieder gut ausgegangen. Er hatte sich tief in den Handel mit weichen Drogen verstrickt und bei seinen Dealern war er hoch verschuldet. Den Gedanken, ein Ding zu drehen, fand er erregend. Er wollte seiner Freundin und den Kumpels zeigen, was für ein Kerl er war. Er hatte Angst davor, dass sie ihn sonst nicht so akzeptieren würden, wie er es sich vorstellte. Er hatte Angst, dass er seine Freundin verlieren würde, wenn er ihr nicht zeigte, was er für ein Kerl war.
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Der Mann, er hatte schon lange beobachtet, wie sich der Junge verändert hatte. Er wollte seit langem mit ihm reden, immer wieder hatte er es verschoben. Er hatte Angst vor den Antworten und den immer wieder neuen Lügen. Ihn störte das Herumlungern des Jungen, sicher gab es viele, sehr viele die keine Ausbildung gefunden hatten, dieses sich hängen lassen, war in seinen Augen auch keine Lösung. Bestimmt gab es auch viele andere, die nur mit einem Elternteil aufgewachsen waren, der Anteil, wo die Mutter fehlte war aber gering. Ob da der Ansatz lag, wo man nach den Ursachen suchen musste? Der Mann hatte keine Ahnung, was der Junge den ganzen Tag über tat. Er ahnte, dass er oft die Schule schwänzte und sich mit seinen Freunden traf. Auch, dass der Junge ihn und seine Lebensart verachtete, war ihm durchaus bewusst.
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Dass der junge Mann immer noch herumlungerte und sich mit seinen Freunden traf, lag an seiner Angst. Angst vor allem, was der Tag so brachte und irgendwie nach geregelten Leben aussah. Er stellte sich in seinen Tagträumen zwar vor, eine Ausbildung zu haben, den Beruf zu lernen, der ihm Spaß machen würde. Nur es gab keine Lehrstellen für ihn. Die wenigen, die es gab, hatten schon andere mit besseren Zeugnissen weggeschnappt. So blieb er zu Hause, dealte und wollte erstmal das Leben genießen.
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Dass der Junge war noch nie straffällig geworden war, lag an seiner Angst vor Strafe. Er war immer auf der Hut, vor dem Mann, der Polizei, seinen zweifelhaften Freunden. Die Angst, war sein ständiger Begleiter, er wollte sie nicht wahrhaben, übertünchte sie mit besonders forschem Auftreten. Er empfand sein Leben in einem kleinen Dorf als verschwendet, langweilig, er wollte da weg, nur weg. So schnell wie es geht, wollte er in die Stadt, sich endlich austoben, niemanden mehr Rechenschaft abgeben müssen.
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Dass der Mann noch nicht mit dem Jungen gesprochen hatte, lag in seiner Angst eine Entscheidung über seinen Umgang mit dem Jungen zu treffen. Der Mann war froh, wenn nichts passiert war und er sich einbilden konnte, alles war in Ordnung Er war müde von der Arbeit und den täglichen Sorgen. An dem Tag, als es geschah, lebte sein Sohn schon einige Wochen bei seiner Freundin. Er hatte dadurch keinen Einfluss mehr auf den Jungen und wusste auch nicht, was da in der fremden Familie vorging.
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Die Freundin des Jungen hatte immer gesagt, sie wolle etwas vom Leben haben. Sie hatte immer gedrängt, dies oder das zu besorgen. Sie war der Rädelsführer, kannte viele andere Unzufriedene. Sie hatte die Pistole besorgt und hatte ihm zugeredet, ein Ding zu drehen. Sie wollte nicht dabei sein, wenn es passierte, es könnte ja was schief laufen.
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Der Mann war zu Hause, als der Junge die Tat beging. Es war ein Tag wie jeder andere, er spürte nichts von dem kommenden Ereignis. Keine Vorahnung, nichts. Er dachte wohl oft an den Jungen, denn instinktiv wusste er, dass der, wie meist, in irgendwelchen Schwierigkeiten stecken würde. Warum ruft er nicht mal an? Geht der Junge noch zur Schule? So viele Fragen und keine Antworten, nur diese unbestimmte, nicht definierbare Angst.
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Als der junge Mann von der Küche ins Wohnzimmer kam und er gleich darauf die Pistole an seinem Kopf spürte, war er schweißgebadet. Er wünschte sich, dass er heute auf dem Arbeitsamt oder sonst wo wäre, nur nicht hier. Hätte er nur schon früher ein anderes Leben angefangen, wäre es bestimmt nicht dazu gekommen. Er musste dem anderen sein Portemonnaie geben, das der dann unschlüssig in der Hand hielt.
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Als der Junge über den Pistolenlauf auf den jungen Mann sah, sah er dessen schweißnasse Haut, dessen Angst, dessen bebenden Körper. Er zitterte selber, hatte selber Angst. Was, wenn der andere mutig sein wollte? Er spürte, dass er dabei war eine Grenze zu überschreiten, dass sich nun eine Dimension auftat, die er sich vorher nicht vorstellen konnte. Im Film sah es doch immer so einfach aus, woran lag das, dass es hier nicht so leicht ging? Gab es ein Zurück? Wie weit zurück? Nein! Der junge Mann würde doch so oder so gleich zur Polizei rennen, er wäre ja sonst verrückt. In der Geldbörse waren nur 70 Euro. Mit der Pistole auf den anderen zielend ging er rückwärts aus der Wohnung, er rannte fort, so schnell er konnte.
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Der Mann war zu Hause, als das Greifkommando kam, sie hatten das Haus umstellt und wollten den Jungen sprechen. Sie durchsuchten das Haus nach der Waffe. Beides war nicht da, der Junge war nicht nach Hause gekommen. Eine niederdrückende Ahnung vom kommenden Unheil überfiel ihn. Er konnte den Polizisten nicht helfen. Der Junge war so lange nicht mehr hier gewesen. Er sagt ihnen, dass sie ihn bei seiner Freundin suchen sollten, da wäre er wohl jetzt zu finden.
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Gleich nach dem der Junge fort war, ging der junge Mann, nein eher rannte er, aufgeregt zur Polizei. Er konnte ihnen sagen, dass er den Jungen von einer Schule, die sie gemeinsam besuchten, kannte. Er erholte sich langsam von seiner Angst, streifte sie ab wie eine Schlangenhaut. Im gleichen Tempo verloren sich die kurz vorher gefassten guten Vorsätze aus seinen Hirnwindungen.
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Als der Junge aus dem Haus seiner Freundin flüchten wollte, griffen sie zu. Gleich nach seiner Aussage, sperrten sie ihn in eine ihrer Zellen. Er saß auf der Pritsche und weinte, weinte sich die Angst von der Seele. Dass, was er am meisten fürchtete war eingetreten, er hatte seine Freiheit verloren. Er konnte niemand mehr imponieren. Was wohl seine Freundin nun von ihm dachte?
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Der Mann durchfurchte sein Wohnzimmer wie einen zu engen Käfig, beobachtet von seinem schwarzen Kater, der jeden seiner Schritte aufmerksam verfolgte. Er war wieder allein, die Polizei war längst gegangen. Sie hatten ihn nichts von dem was passiert war erzählt. Er ahnte nur, dass es was schlimmes sein müsse. Ob es morgen in der Zeitung stehen würde? Vielleicht schon morgen würden sie in dem kleinen Dorf mit Fingern auf ihn zeigen.
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In dieser Nacht:
Der Täter bekam ein Beruhigungsmittel
Das Opfer war mit Freunden unterwegs
Der Mann lief in seinem Zimmer auf und ab

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Am nächsten Morgen stand in der Zeitung:
Ein junger Mann wurde Opfer einer Gewalttat.
Der Täter - Opfer seiner Angst.
Dass da noch ein drittes Opfer war, wurde nie bekannt.

Bernd Wohlers  2007

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