Gil oder "Eine ungewöhnliche Begegnung"

Es war weit nach Mitternacht, als der Tierarzt James Voegele seine Praxis verließ. In sich zusammen gesunken, schlurfte er die Railroad Street hinunter. Die Sterne und der zunehmende Mond, kleideten die Häuser und Bäume in ein geisterhaftes Licht. Es war eine der vielen schwülen Nächte, mit hoher Luftfeuchtigkeit die das Atmen schwer machten und ihm das Hemd auf der Haut kleben ließ. Die Tasche in seiner Hand, ging er langsam an den kleinen Häusern entlang, sah links und rechts auf dunkle Türlöcher und Fensteröffnungen. Was sich wohl dahinter abspielte, dachte er. Er erreichte den kleinen Central Park und wie jeden Tag auf seinem Heimweg, ließ er sich hier auf eine der unbequemen, grünen Holzbänke nieder. Er stellte seine Tasche neben sich, holte tief Luft und sah sich um. Sein Blick blieb an einer Gestalt hängen, die reglos auf einer Bank lag. Er kannte sie gut, es war Gil. Der schlief, sein leises Schnarchen wehte zu ihm herüber. James steckte sich eine Zigarette an, zog den Rauch in tiefen Zügen ein und begann über Gil zu sinnieren. Der Junge hatte keinen Job. Er lebte bei seinen Eltern und schmarotzte das schmale Gehalt der beiden auf. Seit einiger Zeit war er der Wortführer einer kleinen Gruppe von pubertären Nichtsnutzen. Sie schwadronierten fast jeden Tag lärmend im Zentrum der kleinen Stadt herum.
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Die Einwohner machten sie für fast alle Untaten der letzten Zeit verantwortlich. Der Groll nahm stetig zu wie die Flut eines Bergflusses, der im Sommer dahintröpfelte und im Frühjahr alles mit sich riss. Wenn zwei bei einander standen, gab es nur ein Thema: Gil und seine verkommene Gesellschaft. James war auch schon einige Male von ihnen angemacht worden, er wünschte ihnen und besonders Gil die Pest an den Hals. Die Zigarette war heruntergebrannt, die Glut erreichte seine Finger und James schreckte durch den Schmerz aus seiner Versunkenheit hoch.
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Er hatte einen Entschluss gefasst, einen ungewöhnlichen, einen der ihn ins Gefängnis bringen konnte. James war sich dessen bewusst als er seine Tasche greifend aufstand. Er ging zu dem tief schlafenden Gil hinüber und rüttelte kräftig an dessen Schulter. Der rührte sich nicht, er schlief tief und fest, ein Dunst aus kalten Tabakrauch und Alkohol umgab ihn. James schaute sich sorgfältig um, für das was er vorhatte brauchte er kein Publikum. Niemand war zu sehen, sie waren beide allein in dieser schicksalhaften Nacht.
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Rasch nahm er die Einwegspritze mit dem Betäubungsmittel aus seiner Tasche. Routiniert setzte er bei Gil die Nadel an und langsam drückte er das Medikament in Gils Oberarm. Danach ging er wieder zu seiner Bank, jetzt musste er noch zehn Minuten warten, bis die Betäubung wirkte. Gil beobachtend rauchte er noch eine Zigarette und machte sich dann an die Arbeit. Es würde schnell gehen, nicht mehr wie fünf Minuten dauern. Unzählige Male hatte er diese kleine Operation schon durchgeführt und damit so manchen wilden Kater gezähmt. Mit einem kräftigen Ruck zog er Gil die Jeans ein Stück herunter und bückte sich zu den Instrumenten in seiner Tasche.
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Als es vollbracht war ging er wieder hinüber zu seiner Bank und setzte sich. Bei einer weiteren Zigarette dachte er, über das geschehene nach. James verspürte keinerlei Reue, nur eine tiefe, innere Befriedigung über das was er eben getan hatte. Er erhob sich, ging zu der nahen Telefonzelle und wählte die Nummer des Polizeibüros. Als Kennie sich meldetet, sagte er kurz: "Kennie, auf einer Bank im Central Park da liegt der Gil, schaff ihn ins Krankenhaus." Er erzählte ihm in kurzen Sätzen, was geschehen war. Dann ging er mit sich zufrieden weiter nach Hause. Er war müde und wollte jetzt nur noch schlafen.
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Am nächsten Tag erfuhr er, dass Kennie mit seinem Streifenwagen zum Park gefahren war und Gil von einer Ambulanz wegschaffen ließ. In dem Protokoll von Kennie Voegele stand später: er habe Gil bei seiner Streifenfahrt dort liegen gesehen und wegen der eigenartigen Ausdünstung von Medikamenten und Alkohol ins Krankenhaus bringen lassen. Von dem Anruf seines Bruders erwähnte er kein Wort. Gill sah man erst einige Wochen nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus wieder in der Stadt. Die Leute waren neugierig, es hatte viele Gerüchte gegeben, keiner wusste ob da was dran war oder nicht. Gill war auch sehr verändert, oft hockte er auf seiner Schicksalsbank, tief in sich versunken.

Bernd Wohlers  Sommer 2007

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