Nachbarschaft, ein Ding nicht ganz ohne Tücken Teil1

1989 Wiedervereinigung!

1998 - Wir müssen umziehen, der Bundestag hat es so beschlossen, was soll's. Drei Kinder, ein kranker Mann, meine Mutter, ein Hund und ich, ab Richtung Berlin.

Haussuche, Schulsuche; wo in Berlin können, wollen wir wohnen? Diskussionen ohne Ende, die Kinder wollen nicht in der Stadt leben. Wohin? Es muss auf dem Land sein, Berlin muss dicht bei sein, Bahnanschluss haben und ein Krankenhaus in der Nähe wäre auch schön. Endlich! Gefunden - nahe Berlin mit Bahnanschluss und Krankenhaus in der Nähe, Ärzte gibt es auch und Schulen sind kein Problem.
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Bonn: Gepackt; Möbelwagen; wehmütiger Rundblick - Tschüß Bonn, wir waren gerne hier. Nun wird es ernst, der Wagen mit unseren Möbeln zuckelt davon, wir hinterher. Nach Brandenburg soll es gehen, Wolkenkuckucksheim heißt das Dorf. Unsere Nachbarn hielten uns für verrückt, dahin - dahin, in den "Wilden Osten", da geht doch kein vernünftiger Mensch hin. "Haben Sie sich das auch reiflich überlegt", so oder ähnlich war der Tenor in meiner Nachbarschaft und auf der Arbeit. Meine Kollegen, meinten: Ja, vielleicht in 50 Jahren, jetzt kann man da doch noch nicht leben.
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Wir sind müde, kaputt, ein flaues Gefühl im Magen, wir sind da. Die Männer aus dem Umzugswagen schleppen unsere Habe ins Haus. Wir leeren unseren Bus und versuchen uns zu orientieren. Da kommt er, ein kleiner Mann. Stellt sich vor, er ist der neue Nachbar. Er bietet seine Hilfe an. Scheint einer von der netten Sorte zu sein. Vielleicht ist es hier im "Osten" ja doch nicht so schlimm.
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Wir haben uns eingerichtet, sehen uns um. Da ist das große, besser riesige Haus mit seinem weiten Garten. Alles will erkundet sein. Das Haus, altes und neues zusammen gebaut, da ist viel umzubauen. Der Garten gefällt mir, ich hatte immer einen Garten. Der hier ist hinterm Haus, von einer Seite geht ein schmaler fünf Meter breiter Gang zu einem Schifffahrtskanal. Wir haben Wasseranschluss, können baden gehen, die Kinder freuen sich. Komisch, am Zaun da wurden zwei oder drei Bäume abgesägt, die Schnittstellen sind noch ganz frisch, Schade!
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Mein Mann ist gestorben, ich bin allein mit den drei Kindern. Irgendwie geht es weiter, muss weitergehen. Morgens zur Arbeit, am Abend - Haushalt, Schularbeiten, Garten und bauen am Haus. Ab und zu ein Plausch mit den neuen Nachbarn übern Zaun. Sie fragen mich, wer denn der Mann sei, den sie manchmal bei mir sehen. Ich hab einen Freund, der kommt manchmal an den Wochenenden. Er bringt dann seinen Sohn mit, einen der fast genau so alt ist wie meiner. Meine Mutter mag die beiden nicht, die könnten ja scharf auf das Haus sein. Na, wird schon werden, sie mochte eben keine Veränderungen.
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Es ist Sommer 2000, unsere Nachbarn haben uns eingeladen, zu einer Bootstour. Sie haben ein Motorboot. Die schöne Seenlandschaft rauschte im Affenzahn an uns vorbei, er fuhr schnell, für uns zu schnell, es hat wenig Freude gemacht. Die Männer sind sich schnell näher gekommen, hatten ähnliche politische Einstellungen. Paul, so heißt unser Nachbar braucht unsere Hilfe. Sein Sorgenkind ist sein Computer, er hat von der Kiste keine Ahnung, kriegt ihn nicht gebändigt.
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An einem anderen Tag, wir stehen mit Heiko und seiner Frau am Wasser und trinken Grappa. Die beiden sind auch Nachbarn. Heiko bietet uns an diesem netten Abend das "Du" an. Nun will auch Paul unbedingt dass wir uns duzen. Wir werden zum Grillen eingeladen. An sich möchten wir gar nicht gehen, wir ahnen was da auf uns zukommt. Es ist dann auch so passiert, wir duzen uns nun, richtig glücklich sind wir dabei nicht. Warum? Kann ich nicht sagen, es ist so ein Gefühl, eben aus dem Bauch raus. Vielleicht auch, weil Paul in einem Moment der Hochstimmung damit prahlte, dass er die Bäume heimlich abgesägt hat. Wir wollen Frieden, sei keine Kuh, käue nicht altes Gras neu.
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Es ist wieder ein Sommer, wir roden alte Hecken - Koniferen, riesig hohe Dinger, auch an Pauls Zaun. Das gab richtig Platz, wir haben ihn ausgefüllt mit einem Gewächshaus. Meine Mutter wollte gern eines haben. Sieht gar nicht schlecht aus, die Streben aus Aluminium und das Glas aus Kunststoff. Paul und seine Frau mögen es wohl auch, jedenfalls haben sie nie etwas dazu gesagt. Meine Mutter ist happy, sie zieht dort Tomaten und Gurken.
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Der Nussbaum, er steht schon über hundert Jahre, immer an der gleichen Stelle, da wo der schmale Streifen zum Wasser beginnt. Wieder und wieder hat Paul so nebenbei erwähnt wie sehr sie der Baum stört, Laub und Nüsse fallen auf sein Land und das sei nicht schön. Er würde die Hälfte zuzahlen, wenn wir ihn fällen ließen. Das war etwas, was wir aber auf keinen Fall wollten. Paul war vergnatzt, wir merkten's nicht.
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Wir wollten auch Boot fahren, da haben wir uns zwei Ruderboote gekauft, wohin nun damit? Im schmalen Streifen, da war noch Platz für eine Remise, also gesagt - getan. Wir bauten sie an Paul's Schuppen. Peinlich genau passen wir auf, dass wir nichts von ihm berühren. Die Remise ist etwas länger als sein Schuppen geworden. Gerlinde, seine Frau bemängelt, ihre nun stark eingeschränkte Sicht.
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Irgendwann kommt ein Fremder daher, möchte etwas Geld verdienen, bietet sich an die Weiden zu beschneiden. Wir haben eine Weide, also soll er sie uns verjüngen. Wir sehen wie Paul in Richtung Ufer verschwindet, Paul hat auch eine Weide, seine und unsere stehen am Ufer. Wir haben keine Weide mehr, der Fremde hat ganze Arbeit geleistet, fünf cm hoch, guckt der Stumpf aus dem Boden. Pauls Baum ist ordentlich ausgeschnitten. Gerlinde ist zufrieden, der Baum hat ihrer Fernsicht nicht gut getan. Egal, Zähne zusammenbeißen, wir wollen keinen Zwist mit dem Nachbarn.
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Ich komm mit dem Auto, es ist kalt, Anfang 2006, da steht Paul schon, will er was von mir? Sieht fast so aus, na ja wenn's denn sein muss, denke ich und steige langsam aus meinem Auto. Paul entwickelt binnen Sekunden den Umfang eines überdimensionierten Puters und legt los, immer lauter, immer aggressiver. "Das Gewächshaus auf seiner Grenze, ohne seine Zustimmung". Dabei steht das Teil nun schon so um die fünf Jahre. "Der Nussbaum, der könne ihm aufs Dach fallen". Der steht schon über hundert Jahre, ohne umzufallen. "Die Remise zu lang und die neu gepflanzte Weide, eine Frechheit". Wir würden von ihm hören, er würde sich beim Ordnungsamt erkundigen und dann, ja und dann würde er, ja dann würde er!
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Angespannte Stimmung, wir meiden Paul und seine Frau - Streit vermeiden lautet die Devise. Man hört und liest ja immer wieder wie sich Nachbarschaftsstreitigkeiten hochschaukeln.
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Wieder Sommer, wir werkeln an unserer Terrasse im schmalen Schlauch. Gerlinde schießt um die Ecke ihres Schuppens, knurrt wütend vor sich hin, "was ist nun schon wieder los", sieht uns und säuselt sanft weiter, "na was baut ihr denn da wieder"? Ich konnte ihn nicht mehr stoppen, Aribert mein Freund, er machte sie nieder. Nun sind die beiden und er wieder auf "Sie".
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Absolute Funkstille, kein Wort wird mehr gewechselt, sie beobachten uns ununterbrochen. Wo wir im Garten hingehen, da stehen sie schon in der Nähe. Paul klettert laufend auf eine Leiter, natürlich dort wo er zu uns hinüber sehen kann. Kommen wir mit dem Auto, Paul oder Gerlinde tauchen sofort auf. Die beiden sind omnipräsent, es nervt, Aribert will nun auch den Krieg.
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Aribert schneidet die Hecke am Zaun. Wir stehen da, sind sprachlos, einfach nur entsetzt. Paul hat auf seiner Seite am Zaun, in der Hecke ein Gangsystem angelegt. Längs- und Quergänge wechseln sich ab. So sollen die Vietkong ihre Stellungen gebaut haben, Paul war bei der Armee, ob er es dort so gelernt hat? Die beiden haben etwas von Sachbeschädigung geschimpft, wollten uns anzeigen, haben sich dann aber verkrümelt. Schamgefühl geht den beiden völlig ab.
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Paul hat sich auf unser Land geschlichen, ein anderer Nachbar hat ihn fast erwischt, bei der Flucht ist es dann passiert, er ist in eine Pflanze gefallen und hat sich höllisch wehgetan. Tagelang ist er mit Schmerzen umher geschlichen. Mitleid, das hatten wir uns inzwischen verkniffen. Wir haben einen Zaun zum Wasser gezogen, nun kann er nicht mehr bei uns hinfallen. Beim Streichen des Zauns sind einige winzige Farbspritzer vom Wind auf seine Bootsplane gesprüht. Die Plane ist uralt, über zehn Jahre, Paul möchte von unserer Versicherung eine neue haben.

Wieder hat er mich angebrüllt wegen seiner Plane, es soll das letzte Mal gewesen sein. Nun ist es aus, ich will nicht mehr, wir alle wollen nicht mehr.

Gerlinde und Paul, die können es nicht verstehen, es war doch immer so. Was wir nur hätten.

Inzwischen gibt es von Paul und Gerlinde einen zweiten Teil.

Bernd Wohlers  September 2008

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