Reise nach BerLon

Es ist kalt, sehr kalt und ich muss nach Berlin. Frierend stehe ich auf dem S-Bahnhof Erkner. Meine Atemluft steigt neblig in den Himmel und ich versuche mich, wie die anderen Reisenden, mit Freiübungen warm zu halten. Von weitem mag es den Anschein haben, dass dort auf dem Bahnsteig ein Ballett seine Aufführung probt. Einige dick vermummte Männer versuchen mit Picken, die dicke Eisborke von den Schwellen der Waggons zu schlagen, damit sich die Türen schließen können.
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Endlich geht es los, der Zug setzt sich langsam in Bewegung, gleitet aus dem Bahnhof hinaus, in die unwirkliche, kristalline Landschaft Brandenburgs. Von Station zu Station füllt sich der Zug mit weiteren vermummten Gestalten, allen gemeinsam ist eine rotgefrorene Nase, die aus der Verpackung lugt. Ostbahnhof - umsteigen, brr, raus in die Kälte. Ich trau meinen Augen nicht, dort stehen Massen, unendliche Menschenmassen, die alle irgendwohin wollen. Warum sind die heute alle hier? Die kann doch kein Zug schlucken! Endlich kommt die Rot-Gelbe-Blechschlange quietschend und ächzend vor den Massen zum stehen.
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Zwei Ströme aus Leibern prallen aufeinander. Der kleinere möchte aus dem Waggon strömen, trifft auf den Widerstand des größeren, alles wirbelt um ein unsichtbares Zentrum durcheinander. Der Sog erfasst auch mich und ich werde in das Abteil gespült, gegen eine Wand aus Menschen. Andere drücken von hinten, pressen mich gegen die schon vorhandenen. Jedenfalls kann ich nicht umfallen, ich stecke in einer unsichtbaren Wabe, jede einzelne scheint mit der sie umgebenden unlöslich verbunden zu sein. Nicht mal einen Finger kann ich mehr rühren.
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Hühner, wie die Hühner, geht es mir durch den Kopf. Meine Gedanken kreisen um das Federvieh. Freiland-, Boden- oder Käfighaltung? Womit sind wir Fahrgäste vergleichbar? Ich entscheide mich für Käfighaltung. Hühner haben es besser, denke ich, die können jedenfalls umfallen, soviel Platz lässt man ihnen. Um die Broiler kümmert sich ein Tierschutzverein. Da gibt es Gesetze und Verordnungen, die manchmal auch eingehalten werden. Gibt es auch Menschenschutzvereine? Wer schützt mich vor solch einer Tortur? Es gibt nichts, da bin ich mir sicher. Ich muss sogar noch für das Martyrium bezahlen. Nie hätte ich gedacht, dass sich die Bahn auf die Käfighaltung von Menschen spezialisiert hat.
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Nach fünf Stationen werde ich mit dem Strom aus dem Abteil gespült. Auf dem Bahnsteig durchsuchte ich erst mal alle meine Taschen, hätte ja sein können, dass ein Taschenkrebs sich meiner angenommen und meine hilflose Lage für einen kleinen Fischzug ausgenutzt hat. Glück gehabt, die Vertreter dieser Zunft konnten sich in dem Käfig wohl selber nicht bewegen. Die sich stetig verändernde Traube von Reisenden erfasst mich und so werde ich mal langsam, mal schneller die Treppen hinunter getrieben. Wenige Minuten später erreiche ich mein Ziel, die Eingangshalle des Bahnhofs Zoo.
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Zur Information will ich, nirgends ist eine zu sehen. Mein Blick verweilt auf einem großen roten Schild mit der weißen Beschriftung "Service Point". Service hat doch etwas mit Dienstleistung zu tun und Point, erinnere ich mich vage, heißt wohl Punkt. Dienstleistungspunkt, ob sich dahinter wohl der gute alte Informationsschalter verbirgt? Heute ist wohl mein Glückstag, ich hatte es richtig geraten und das tollste war, the people behind the desk dieses zugigen Service Point quasselten Deutsch mit Berliner Dialekt. Dieser Bahnvorstand, Mehdorn, muss eine ganz tolle Konifere sein, der hat eben an alles gedacht, Spitze!
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Mein Anliegen hatten die Service Pointer, oder wie immer die genannt werden in die Reihe bekommen. Nun hatte ich noch reichlich Zeit bis mein Train to my next target kommen würde. So schlenderte ich durch den Bahnhof und grübelte immer mehr: Wo bin ich! Da war ein Buchladen der bot die "Top Ten" an. Gleich daneben, ein Süßwarenstand, der mir "Merry Christmas" wünschte. Ob die in England Weihnachten erst im Januar feiern, ging es mir durch den Kopf, andere Länder, andere Sitten. Es folgte ein "Body Shop" der bot "Sale" an, oder soll das Winterschlussverkauf bedeuten? Ein Blick ins Schaufenster zeigte mir, dieser Shop war das, was man in Deutschland eine Drogerie nennt. Weiter ging meine Expedition durch den Bahnhof und ich musste eine Toilette finden. Toilette oder ein einfaches Klo war passe', ich fand mich bei "Mc Clean" in seinem "WC-Center" wieder. Zum Glück war dort sonst alles so wie ich es von einem deutschen Pinkelbecken gewohnt war. Zurück in der Bahnhofshalle konnte ich dann die neuesten Nachrichten auf einen "Info Screen" lesen und mit "International Money Transfer" eine Überweisung durchzuführen.
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Bei meinem Bummel wurde ich hungrig, der wurde mit einem "Happy-Day-Menue" gestillt und einen Kaffee bekam ich dann bei "Coffee to go" und das Leben war auch in dieser Denglish Railway Station lebenswert. Nur mit dem Kaffee hatte ich beim going Probleme, er schwappte über auf meinen Kilt. Kein Problem, ein Blick in die Runde und ich fand "Best Wash and clean" mit ihrer "first class Textilpflege". Die würden es schon richten. Ein Geschenk, ich wollte ein Geschenk für meine First Lady besorgen. Nun rutsche ich auch schon ins Sprachgewirr, Bernd, schäm dich. Da war kein Geschenkeladen, aber in "The Berlin Gift Shop" fand ich Artikel, die man sonst in Geschenkeläden bekommt, Arsen und Rattengift hatten sie dagegen nicht. Durstig suchte ich einen Laden, wo man eine Flasche Selters kaufen konnte. In "point shop to go" fand ich einen Lebensmittelladen, der so etwas hatte. Unweit davon warb das "Youth Hostel" für seine Betten, eine vernünftige Lösung, bei den Fahrplanpannen der Bahn, fand ich. Es wurde langsam Zeit auf den Bahnsteig zu gehen, mein Train was arriving soon. Da, ein Currywurststand, schnell noch was für den Cholesterinspiegel tun. Ich bestellte mir eine der leckeren Würstchen, natürlich "Upper Crust". Beim kauen sah ich noch einen Kiosk, da konnte man sich "Donuts" einverleiben, was immer das war.
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Eisen quietschte auf Eisen, schlitternd kam der Regio zum stehen. Schnell noch einen Blick auf die Zieltafel, ja mit dem kam ich zurück nach Erkner. Langsam rollte ich aus dem Bahnhof von BerLon, froh nicht in diesem Sprachwirrwarr leben zu müssen. Das nächste Mal nehme ich einen Dolmetscher mit, wenn ich in Deutschland auf Reisen gehe. So und nicht anders muss es einst in Babylon gewesen sein, ging es mir noch durch den Kopf bevor ich einschlief und den Turm fallen sah.

Bernd Wohlers,  Januar 2009

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