Suche Arbeit

Vor mir im Dunkeln, Menschen, viele Menschen, schemenhafte Gestalten. Wir stehen im gleißenden Scheinwerferlicht erhöht, vor ihnen. Einer nach dem anderen wird aufgerufen. Der Mann, im feinen Anzug neben dem Mikrofon, plappert Namen, Daten. Händeschütteln, Diener, Knicks, alle bekommen ein Stück Papier, die Mädchen noch einen Blumenstrauß dazu. "Benjamin", ertönt es aus der Anlage. Ich löse mich aus der Reihe, vier Schritte vorwärts. Blah, Blah. Papier in die Hand. Die Schemen klatschen. Zurücktreten ins Glied. Ein erster Blick auf das bunt bedruckte Papier. Seit einigen Sekunden bin ich Geselle, Maler, ein nützliches Mitglied der Gesellschaft. Mit einem Beruf kommste immer durch' s Leben, meine Mutter hat's mir gebetsmühlenartig eingetrichtert.
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Ich bin nun 20 Jahre alt, hab mich drei Jahre für wenig Geld abgerackert. Jetzt wird es besser, jetzt fange ich an zu ernten, was vor drei Jahren gesät wurde. Morgen kommt die Sonntagszeitung, da stehen bestimmt massig Jobs drin. In der Zeitung standen ein paar Jobs, Dänemark, Holland, da suchten sie Leute, nicht über dreißig und mit jahrzehntelanger Berufserfahrung. Hatte ich nicht, obendrein wollten die Firmen alle einen Vermittlungsgutschein der Arbeitsagentur, den hatte ich auch nicht.
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Ich hockte in der Arbeitsagentur auf der Stuhlkante. Mir gegenüber ein Mann, irgendwie langweilte ich ihn wohl, jedenfalls sah er so aus. "Also junger Mann, so wie sie sich's vorstellen, so geht' s nicht", klärte er mich auf. "Einen Vermittlungsgutschein kann ich Ihnen erst ausstellen, wenn Sie zwei Monate arbeitslos sind, sind Sie das? Na sehen se", führte er weiter aus. So wurde ich denn per Formular als Arbeitsloser eingestuft. Nun sollte ich noch weniger Geld bekommen als vorher in der Lehre. Verstanden hab ich Bahnhof, wozu muss ich zwei Monate arbeitslos zu Hause bleiben, wenn es Arbeit en masse gibt? Mutter hat's mir erklärt, der Gesetzgeber hat es so gewollt. "Da kannste nischt machen, dass das Blödsinn ist, ist egal, die Politiker haben es so gewollt", sagte sie mit den Schultern zuckend.
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Also, das wollte ich nicht schlucken, wir haben Internet. Ran an die Kiste, die Arbeitsagentur hat eine Seite im Internet. Ick kriege große Augen, massig werden da Maler gesucht und vermittelt, aber nicht von der Arbeitsagentur, sondern von privaten Vermittlern. Dabei hat mir mal einer erzählt, die vornehmste Aufgabe der Arbeitsagentur ist die Vermittlung von Arbeit. Das muss aber schon ewig her sein, von meinen Kumpels konnte sich keiner erinnern, dass je einer einen Job von denen vermittelt bekam.
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Aber ich wollte einen Job, da hab ich Bewerbungen geschrieben, an Firmen die Maler suchten. Es waren immer getarnte Jobvermittler oder Firmen die dringend einen Maler suchten, aber nur mit Vermittlungsgutschein. Na Sie wissen' s schon, ich bekam natürlich nichts. Bis dann eines Tages einer bei uns anrief und mir einen Job anbot. Ich sollte nur einen Vertrag unterschreiben, dass ich ca. 33,33% meines ersten Halbjahreslohns an sie für die Vermittlung zahle. Ich habe unterschrieben, ich wollte einen Job. Die Firma war eine Zeitarbeitsfirma, die verleihen dich als Lohnsklave weiter an andere Firmen. Andere Firmen stellen sowieso kaum noch ein, was festes, für länger, wie früher, wo du was planen konntest, Familie, Auto und so, gibt es fast nicht mehr.
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Also, hab ich für die gearbeitet, zwei Monate lang, mal hatten sie was, mal nicht, ich musste ein Stück Papier unterschreiben, dass sie nicht zahlen brauchen, wenn keine Arbeit da ist. Im Arbeitsvertrag stand nichts davon. Nun bin ich wieder arbeitslos, habe angeblich Scheiße gearbeitet. Muss nun wieder zwei Monate zu Hause bleiben, um einen Vermittlungsgutschein zu bekommen.
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Die Vermittlungsfirma hat angerufen, wollen meine Lohnzettel, wegen ihrer Gebühren. So sieht das aus in Deutschland, willste arbeiten, darfste nicht. Gehste trotzdem, wirste mit Gebühren bestraft. Auf meinen Lohn warte ich noch immer, die Firma hat traumhaft lange Abrechnungszeiträume. Arbeitslosengeld, das dauert, die haben traumhaft lange Bearbeitungszeiten. Die Zeitarbeitsfirma war an der Strippe, wolln mir ne zweite Chance geben, die haben grad wieder Arbeit. Da hab ich nein danke gesagt, die zahlen erst, wenn Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallen und ich hätte einen neuen Vermittlungsvertrag unterschreiben müssen. Privat natürlich, von der Arbeitsvermittlung krieg ich den, wie schon gesagt, erst nach zwei Monate zu Hause sitzen. Jetzt geh ich nicht mehr arbeiten, gefällt mir zwar nicht, aber was soll's, ist so von der Regierung gewollt. Mein Nachbar hat mir gesagt, "Junge sei nicht blöd, geh ins Ausland, siehste nicht, die hier haben doch den Karren längst voll gegen die Wand gefahren".
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Ich hab mich umgehört, es hat geklappt, in einem viertel Jahr fahr ich nach Norwegen. Hab da einen Job bekommen. Nee, nicht wie sie denken bei einem Sklavenhändler, nee einen Job bei einer richtigen Firma mit Festvertrag und die Kohle stimmt auch. Vermittlungsgutschein interessiert die nicht, die wissen nicht mal was das ist.

Warum geht das eigentlich nicht auch bei uns? Irgendwas läuft da nicht richtig im Land!

Bernd Wohlers  Winter 2008

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